Was misst eigentlich das BIP?

Seit den 1940er Jahren dient das BIP als eierlegende Wollmilchsau der Wirtschaftsstatistik. Unter anderem als Maß für wirtschaftliche Entwicklung, Schuldentragfähigkeit des Staates und Lebensqualität. Aber ist es dafür überhaupt geeignet? Was misst das BIP eigentlich?

Die Statistik Austria beschreibt das BIP folgendermaßen: Das BIP … errechnet sich demnach aus der Summe der in einer Volkswirtschaft produzierten Waren und Dienstleistungen, abzüglich jener Waren und Dienst­leistungen, die im Produktionsprozess verbraucht wurden.

Wikipedia: Das BIP gibt den Gesamtwert aller Güter, d. h. Waren und Dienstleistungen an, die während eines Jahres innerhalb der Landesgrenzen einer Volkswirtschaft als Endprodukte hergestellt wurden, nach Abzug aller Vorleistungen.

Diese vereinfachenden Definitionen sind höchst irreführend. Sie unterschlagen die Komplexität des Konzepts „Produktion“, sowie die Schwierigkeiten diese zu messen. Was ist die Summe von Waren und Dienstleistungen? Was sind Endprodukte und Vorleistungen? Wie misst man den Wert eines Gutes?

Es gibt keine einfache Beschreibung des BIP. Das BIP enthält sehr unterschiedliche Komponenten, die noch dazu auf sehr unterschiedliche Art und Weise gemessen werden.

Komponenten des BIP

Eine Unterteilung des BIP in einzelne Komponenten erleichtert die Beschreibung. Eine Möglichkeit ist die Aufteilung in die Wertschöpfung von Kapitalgesellschaften, Haushalten und Staat, sowie Abschreibungen und Gütersteuern (Grafik 1). Damit werden Produktionskomponenten so zusammengefasst, dass man sie auch gut beschreiben kann.

Die Aufteilung der Wertschöpfung nach Sektoren ergibt auch eine grobe, und sehr wichtige, Unterscheidung zwischen Marktproduktion und Nichtmarktproduktion. Der Wert der meisten für den Markt produzierten Gütern und Dienstleistungen wird über deren Marktpreis gemessen. Die Wertschöpfung ist die Differenz zwischen Verkaufspreis und den Vorleistungen (Güter und Dienstleistungen, welche im Produktionsprozess verbraucht werden).

Ein wesentlicher Teil der im BIP erfassten Güter und Dienstleistungen hat keinen Marktpreis. Viele Güter und Dienstleistungen werden gar nicht für den Markt produziert. Sie werden entweder unentgeltlich bereitgestellt (Staat), oder dienen zum Eigengebrauch. Auch für manche am Markt angebotene Dienstleistungen gibt es keinen Preis. Ein Beispiel sind Finanzdienstleistungen, für die der Kunde meistens nicht direkt bezahlt. Gütern und Dienstleistungen, für die keine Marktpreise existieren, wird für die Berechnung des BIP ein Preis unterstellt. Die Herleitung dieser Preise erfolgt mit unterschiedlichsten Methoden.

Grafik 1: Komponenten des BIP, Österreich 2017

Kapitalgesellschaften und Haushaltssektor

Die größte Komponente des BIP ist die Wertschöpfung der Kapitalgesellschaften (47% des österreichischen BIP in 2017). Kapitalgesellschaften produzieren fast ausschließlich für den Markt, nur ein kleiner Teil (ca. 2%) besteht aus der Produktion von Investitionsgütern für den Eigengebrauch.

Die Wertschöpfung des Haushaltssektors besteht ebenfalls zum größeren Teil aus Marktproduktion (ca. 60%). Der Grund für diesen hohen Anteil an Marktproduktion sind Einzelunternehmen, die ebenfalls dem Haushaltssektor zugeordnet sind.

Nichtmarktproduktion spielt im Haushaltssektor eine große Rolle. Enthalten in der Wertschöpfung der Haushalte ist die Nichtmarktproduktion für den Eigengebrauch, sowie die Produktion der privaten Organisationen ohne Erwerbszweck (Vereine, Glaubensgemeinschaften etc.). Zur Produktion für den Eigengebrauch von Haushalten gehört vor allem Wohnen im Eigentum. Mieten sind klarerweise im BIP inkludiert. Wird eine Immobilie vom Eigentümer bewohnt, sie sollte das dahinterstehende Leistung daher ebenfalls ins BIP einfließen. Für den von Eigentümern bewohnten Immobilien werden daher fiktive Mieten in das BIP imputiert, wobei die am Mietmarkt gezahlten Preise als Basis genommen werden. Generell ist die Produktion von Gütern für den eigenen Konsum im BIP inkludiert, sofern sie ökonomisch relevant ist. Nicht inkludiert ist jedoch die Produktion von Dienstleistungen für den eigenen Konsum, aufgrund der Schwierigkeiten deren Wert zu messen.

Staatssektor

Ein weiterer wichtiger Bestandteil des BIP ist die Wertschöpfung des Staatssektors, zum Beispiel durch Verwaltung, Schulwesen, Gesundheit usw. Im Jahr 2017 entsprach die Produktion des Staates 11 Prozent des BIP. Staatliche Dienstleistungen werden in der Regel nicht am Markt gehandelt und haben daher keinen Markt- und Verkaufspreis. Ins BIP fließen sie ein mit den Kosten ihrer Herstellung.

Die Inklusion staatlicher Leistungen in das BIP sorgt seit jeher für Diskussion. Bereits im 16. Jahrhundert wurde versucht das Nationaleinkommen, als Vorläufer des BIP, zu messen. Ein Zweck dieses Maßes war dessen Verwendung als Indikator für die Finanzierbarkeit staatlicher Militärausgaben und damit auch als Maß militärischer Stärke. Es war nicht zweckmäßig, staatliche Ausgaben selbst in das Nationaleinkommen zu integrieren.

Erst im Laufe des 2. Weltkriegs entstand das BIP, in dem Produktion des Staates zu Gänze erfasst wird. Ein wichtiger Grund dafür war wiederum der Krieg. Die Mobilisierung von Ressourcen für den Krieg ist schwieriger, so ein Argument, wenn das Nationaleinkommen dadurch negativ beeinflusst wird. Mit der Erfassung von Kriegsausgaben als Teil des BIP wird vermieden, dass es mit höheren Militärausgaben und den dazugehörigen höheren Steuern sinkt. Heute steht nicht mehr zur Debatte, ob staatliche Leistungen im BIP inkludiert werden sollen. Die Produktion des Staates hat sich auch klar vom Militär, zu wohlstandsfördernden Bereichen wie Bildung- und Gesundheitswesen verschoben. Als Maß für die Schuldentragfähigkeit des Staates ist das BIP aber begrenzt geeignet, da ein nicht unwesentlicher Teil des BIP aus Steuern und steuerfinanzierte Leistungen besteht.

Eine bis heute diskutierte Herausforderung ist der Charakter vieler staatlicher Leistungen als Vorleistung. Zum Beispiel ist staatliche Verwaltung kein Endprodukt. Sie dient unter anderem dazu, die Produktionsaktivitäten des Privatsektors effizient zu gestalten. Ein Teil der Staatsausgaben müsste daher als Vorleistung aus dem BIP herausgerechnet werden. Der Grund, warum das nicht geschieht, liegt in der Schwierigkeit eine Trennlinie zu ziehen.

Abschreibungen

Abschreibungen messen die Wertminderung von Kapitalgütern durch ihre Verwendung im Produktionsprozess. Sie sind mit 18 Prozent eine ganz wesentliche Komponente des BIP. Man kann sie auch interpretieren als Teil der Produktion, welcher notwendig ist, um den Kapitalstock zu erhalten. Als Teil der Produktionskosten passen Abschreibungen gar nicht in das Konzept des BIP. Dieses versucht ja, den durch Produktionsaktivitäten geschaffenen Mehrwert zu messen. Dies wird auch in der neuesten Auflage des VGR Systems betont. Der Unterschied von Abschreibungen zu Vorleistungen besteht nur darin, dass Vorleistungen unmittelbar, Kapitalgüter aber über einen längeren Zeitraum im Produktionsprozess verbraucht werden. Vorleistungen werden aus dem BIP herausgerechnet, Abschreibungen nicht. Der Grund Abschreibungen im BIP zu inkludieren, ist die Schwierigkeit sie als separate Komponente zu messen. Im Europäischen System der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung werden die Abschreibungen geschätzt und alle zentralen Maße wie BIP oder Nationaleinkommen sind mit Abschreibungen (z.B. Bruttonationalprodukt), und ohne Abschreibungen (z.B. Nettonationalprodukt) in den Daten enthalten.

Die Abschreibungen sind gerade in Zeiten niedriger Zinsen eine interessante Komponente. Niedrige Zinsen begünstigen kapitalintensives Wirtschaften, mit dem sich auch die Abschreibungen erhöhen. Das heißt, ein immer größerer Teil des Einkommens muss für den Erhalt des Kapitalstockes beiseitegelegt werden. Bei Vergleichen der Wirtschaftsentwicklung über einen längeren Zeitraum sollte daher das Nettonationalprodukt verwendet werden, in dem die Abschreibungen nicht inkludiert sind.

Gütersteuern

Gütersteuern sind eine sehr kontroverse Komponente. Produktion wird im BIP zu Marktpreisen gemessen, also zu Preisen, welche sämtliche Gütersteuern wie z.B. die Mehrwertsteuer inkludieren. Mit der Inklusion von staatlichen Leistungen und Gütersteuern in das BIP kommt es zu einer Doppelzählung. Die staatlichen Leistungen werden ja auch aus Gütersteuern bezahlt. Diese sind aber bereits in den Preisen der für den Markt produzierten Güter enthalten. Für viele Fragestellungen ist es zweckmäßig, diese doppelt erfassten Steuern aus dem BIP herauszurechnen, zum Beispiel um die Steuerbelastung zu messen.

Es ist eine extreme Herausforderung, auch nur einigermaßen klare Trennlinien zwischen Produktion/Nichtproduktion sowie Vorleistungen/Endprodukt zu ziehen und entlang diesen Trennlinien zu messen. Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung (VGR) inklusive des BIP ist in dieser Hinsicht eine echte intellektuelle Meisterleistung. Man muss sich diesen Herausforderungen aber bewusst sein, um abschätzen zu können, was das BIP überhaupt kann.

Welche Produktionskomponenten sind im BIP nicht enthalten?

Das BIP misst keineswegs die Produktion ALLER Güter und Dienstleistungen. Nicht enthalten im BIP ist die Produktion von Dienstleistungen für den eigenen Konsum (z.B. Kochen, Pflege, Reinigungstätigkeiten), oder wenn Leistungen anderen Haushalten unentgeltlich zur Verfügung gestellt werden (freiwillige Arbeit). Diese Tätigkeiten sind sind ganz klar Teil der Produktion, sind aber sehr schwer zu messen. Es gibt sogenannte Haushalts-Satellitenkonten, mit denen versucht wird, den Wert diese Produktionsaktivitäten zu schätzen. Die meisten Schätzungen liegen bei 30%-50% des BIP (siehe zum Beispiel Hammer, 2014, Kapitel 3).

Ebenfalls nicht im BIP enthalten ist die Bereitstellung von Gütern und Dienstleistungen die nicht unter Kontrolle der Menschen produziert werden. Dazu gehören natürliche Ressourcen (z.B. Fischbestand im Meer) und sogenannte Ökosystemdienstleistungen. Letztere sind hinsichtlich der ökologischen Herausforderungen von besonderer Relevanz. Ökosysteme stellen eine Menge an Dienstleistungen bereit, wie sauberes Wasser, saubere Luft, Erholungsräume. Das Ökosystem Atmosphäre spielt eine wichtige Rolle bei der Regulierung des Klimas. Mit unseren Produktions- und Konsumaktivitäten beinträchtigen wir die Produktion von Ökosystemdienstleistungen ganz massiv (z.B. Verschmutzung von Trinkwasser). Diese negativen Auswirkungen auf die Gesamtproduktion werden im BIP ignoriert.

Was kann das BIP?

Das BIP ist ein gutes Maß um Produktivitätsunterschiede über Länder zu vergleichen. Handelbare Güter haben in verschiedenen Ländern einen ähnlichen Preis. Da das BIP in Marktpreisen gemessen wird, vergleicht man die Produktivität verschiedener Länder in Relation zu diesen handelbaren Gütern und schafft damit einen gemeinsamen Nenner. Kurzfristige positive oder negative Änderungen in den Produktionsaktivitäten werden ebenfalls im BIP abgebildet.

Kein Maß kann alle Aspekte der Wirtschaft abdecken, auch das BIP nicht.  Das BIP ist in keinster Weise ein Maß für Lebensqualität – es ignoriert die meisten wichtigen Aspekte unseres Lebens. Es ist ein schlechtes Maß um die Schuldentragfähigkeit zu messen, da es selbst Steuern und steuerfinanzierte Leistungen enthält. Das BIP ist auch kein gutes Maß, um langfristiges Wirtschaftswachstum zu messen. Produktivitätswachstum, mit dem es uns gelingt Bedürfnisse mit weniger Aufwand und geringeren Kosten zu befriedigen, senkt das BIP sogar.

Das BIP hat in unserer Gesellschaft einen Stellenwert dem es nicht gerecht werden kann. Um manche Aspekte der Wirtschaft abzubilden fehlen uns derzeit noch brauchbare Daten und Indikatoren, z.B. für Ökosystemdienstleistungen. Für viele Zwecke gibt es jedoch brauchbare Alternativen. Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung selbst bietet Indikatoren, die für viel Zwecke wesentlich besser geeignet sind als das BIP, z.B. das Nettonationaleinkommen als ein Maß für ökonomischen Wohlstand. Es ist wäre Zeit, die unkritische Verwendung des BIP als eierlegende Wollmilchsau der Wirtschaftsstatistik zu beenden.

Literatur:

Diana Coyle beschreibt die Geschichte des BIP, dessen Inhalt, und die zentralen Kritikpunkte in ihrem Buch GDP: A Brief but Affectionate History.

VGR-Freaks finden in eine detaillierte Geschichte der VGR, Wirtschaftsstatistik und des BIP in Benjamin Mitra-Kahn, Redefining the Economy: how the ‚economy‘ was invented 1620. Sehr empfehlenswert!

Eine kenntnisreiche Beschreibung der modernen VGR und ihrer Entwicklung gibt es in André Vanoli, A History of National Accounting. Leider gibt es das Buch nirgends und man muss es über ein Bibliotheksnetzwerk bestellen.