Wirtschaftswachstum: Wohlstand steigern statt Produktion!

Ist Wirtschaftswachstum wünschenswert? Immer mehr Menschen zweifeln, dass Wirtschaftswachstum ihr Leben besser macht. Die zunehmende Kritik ist die Konsequenz eines äußerst einseitigen Konzeptes von Wachstum. Dieses fokussiert auf das kurzfristige Produktionsvolumen, und ignoriert so gut wie alle anderen Aspekte von Wohlstand und Lebensqualität.

Wir brauchen ein Konzept für Wirtschaftswachstum, welches langfristigen ökonomischen Wohlstand in den Mittelpunkt stellt. Unter Wirtschaftswachstum versteht man üblicherweise die Zunahme des Volumens produzierter Güter und Dienstleistungen, gemessen mit dem Bruttoinlandproduktes (BIP). Doch das Ziel unserer wirtschaftlichen Aktivitäten ist nicht möglichst viele Güter und Dienstleistungen zu produzieren, sondern unsere Bedürfnisse zu befriedigen und damit unseren Wohlstand zu steigern.

Produktion und Konsum verursachen hohe Kosten. Im Produktions- und Konsumprozess werden wertvolle Ressourcen verbraucht, darüber hinaus entstehen hohe externe Kosten. Diese inkludieren zum Beispiel die Beeinträchtigung der Lebensqualität durch Lärm und Abgase. Auch die Kosten, welche durch den Klimawandel entstehen, gehören dazu. Wohlstand wächst daher besonders stark durch Innovationen, die es ermöglichen Bedürfnisse mit weniger Produktion befriedigen. Diese Art von Wachstum benötigen wir, um Steigerungen des Wohlstandes mit einer ökologisch nachhaltigen Wirtschaftsweise zu vereinen.

Wirtschaft oder Ökonomie ist die Gesamtheit aller Einrichtungen und Handlungen, die der planvollen Befriedigung der Bedürfnisse dienen (Wikipedia).  

Die zentrale Frage eines jeden sinnvollen Konzepts von Wirtschaftswachstum muss sein: Wie gut gelingt uns langfristig die Befriedigung unserer Bedürfnisse? Und wie schaffen wir das mit möglichst geringen Ressourcenaufwand?

Das Bruttoinlandsprodukt ist kein sinnvolles Wachstumsmaß

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist ein schlechtes Maß für Wirtschaftswachstum. Das BIP misst das Produktionsvolumen anhand des Preises von Gütern und Dienstleistungen. Das BIP berücksichtigt nicht, wenn wir unsere Bedürfnisse mit innovativen, billigeren Produkten, oder gar ohne Produktion und Konsum befriedigen. Damit ignoriert es wichtigste Quellen von Wohlstandsgewinnen. Eine bessere Befriedigung unserer Bedürfnisse und die Verbesserung unseres ökonomischen Wohlstandes erfordert nicht unbedingt höhere Produktion.

Wirtschaftswachstum mit weniger Produktion: Geht das?

Es gibt es zwei wichtige Wohlstands- und Wachstumstreiber, die im BIP nicht erfasst werden:

(1) Bedürfnisse mit ressourcenschonenderen Produkten befriedigen. Zum Beispiel eröffnete das Internet Zugang zu Dienstleistungen, die davor gar nicht existierten oder mit oder mit enorm hohen Kosten verbunden waren, v.a. im Bereich der Information, Kommunikation und Unterhaltung.

(2) Vermeidung von indirekten Bedürfnissen. Indirekte Bedürfnisse entstehen dadurch, dass wir das eigentliche Ziel unserer wirtschaftlichen Aktivitäten nicht gut erreichen. Ein wichtiges Beispiel für ein indirektes Bedürfnis ist die Krankenversorgung. Da der Erhalt der Gesundheit unser eigentliches Ziel ist, nehmen wir optimalerweise die Krankenversorgung gar nicht in Anspruch. Unser Wohlstand steigt, wenn wir darauf verzichten können.

Bessere und billigere Produkte

Wirtschaft wächst durch innovative Produkte, die Bedürfnisse besser befriedigen und billiger sind. Das Internet ist ein Paradebeispiel: Über das Internet haben wir auf Knopfdruck Zugang zu einer unvorstellbaren Menge an Information und Unterhaltung. Wikipedia ersetzt ganze Bände an Lexika und Streaming umfangreiche Videosammlungen. Kommunikation wurde mit dem Internet durch E-Mail, Web-Telefonie und Instant-Messaging wesentlich vereinfacht und verbilligt. Das Internet ermöglicht es, unsere Bedürfnisse nach Information, Unterhaltung und Kommunikation mit geringen Kosten wesentlich besser zu befriedigen.

Ähnlich großartige Innovationen gäbe im Mobilitätssektor, wenn sie nicht durch Gestaltung der Verkehrsinfrastruktur und Verkehrsregeln massiv behindert würden. E-Fahrrad, E-Scooter oder E-Roller eröffnen auch weniger sportlichen Menschen ressourcenschonende und günstige Mobilität. Allerdings erfordern Innovationen auch eine Anpassung der Raum- und Stadtplanung, der Verkehrsinfrastruktur und der Verkehrsregeln. Derzeit werden diese Innovationen noch massiv bekämpft.

Produktivitätsgewinne durch innovative, günstigere Produkte haben sogar eine negative Auswirkung auf das Produktionsvolumen und das BIP. Das BIP misst Wachstum nur, wenn das Produktionsvolumen oder die Qualität von Gütern oder Dienstleistungen steigt. Es berücksichtigt nicht, wenn wir zum Befriedigen unserer Bedürfnisse völlig neuartige Produkte oder Dienstleistungen mit niedrigerem Preis verwenden. Ein modernes Konzept für Wirtschaftswachstum sollte Wohlstandsgewinne durch innovative Produkte erfassen.

Indirekte Bedürfnisse vermeiden

Viele unser Konsum- und Produktionsaktivitäten dienen gar nicht direkt der Befriedigung von Bedürfnissen. Sondern entstehen dadurch, dass uns dies schlecht oder gar nicht gelingt. Zwei wichtige Beispiele sind Gesundheit und Mobilität.

Wohlstand wächst durch den Erhalt der Gesundheit, nicht durch Gesundheitsausgaben. Im BIP werden Erhöhung der Gesundheitsausgaben und Verbesserungen der Krankenversorgung erfasst. Verbesserungen unserer Gesundheit, welche diese obsolet machen, werden jedoch ignoriert. Die in der Menschheitsgeschichte mit Abstand wichtigste Innovation im Gesundheitsbereich erforderte keine großen Ausgaben: bessere Hygiene und die Verwendung von Seife. Ein sinnvolles Konzept für Wirtschaftswachstum sollte Verbesserungen unserer Gesundheit berücksichtigen, nicht die Ausgaben für die Beseitigung von Krankheit.  

Mobilität ist ein äußerst kostspieliges, indirektes Bedürfnis. Unsere Verkehrsteilnahme ist in den meisten Fällen kein Selbstzweck, sondern dient dazu in die Arbeit zu kommen, zu einem Geschäft, oder zu unserer Freizeitaktivität. Die Kosten der Mobilität sind vielfältig: Fahrzeuge sind teuer, Platzbedarf, Abgase und Lärm beinträchtigen unsere Umwelt und unsere Lebensqualität ganz massiv. Mobilität ist maßgeblich für die ökologischen Probleme wie Klimaerwärmung, Bodenversiegelung und Zerstörung der Biodiversität verantwortlich.

Raum- und Stadtplanung ist daher ein zentrales Element für wohlstandssteigerndes Wirtschaftswachstum. Können wir Siedlungsflächen so gestalten, dass Mobilitätsbedürfnisse gar nicht entstehen? Und wenn sie entstehen, dass wir sie möglichst ressourcenschonend befriedigen können? In das BIP fließen solche Wohlstandsgewinne nicht ein. Und wenn dann eher negativ, weil sich der Aufwand für Mobilität verringert. Ein sinnvolles, modernes Konzept und Maß für Wirtschaftswachstum berücksichtig wie gut wir unsere Bedürfnisse befriedigen können, nicht wie viele Ressourcen wir dafür aufwenden.

Ein modernes Konzept für Wachstum?

Wir brauchen ein wohlstandsorientiertes Konzept für Wirtschaftswachstum und bessere Maße. Unser wirtschaftlicher Wohlstand sollte wachsen. Maße für Wirtschaftswachstum sollten dies abbilden und damit der Politik und anderen Entscheidungsträgern eine Informations- und Entscheidungsgrundlage bieten. Das BIP ist dafür gänzlich ungeeignet.   

Wirtschaft und Wirtschaftswachstum kann man nicht sinnvoll in einem einzigen Maß abbilden. Echten wirtschaftlichen Wohlstand und dessen Wachstum müssen wir mit einer Vielzahl an Maßen messen, welche direkt wohlstandsrelevante Aspekte unseres Lebens abbilden. Dazu gehören Daten über Zugang zu Produkten und Dienstleistungen, unseren Gesundheitszustand, über Sicherheit, oder ob wir Lärm und Schadstoffen ausgesetzt sind. Direkte Wohlstandmaße haben einen klaren Vorteil: sie bilden ab, wenn innovative Produkte oder kluge Raumplanung unser Leben und unsere wirtschaftliche Situation verbessern.  

Es gibt eine ganz Reihe von Vorschlägen, wie das BIP zu einem wohlstandsorientierten Wachstumsmaß verändert werden kann. Simon Kuznets konzipierte in den 1930er Jahren das Nationaleinkommen (Vorgänger des BIP) als Wohlstandsmaß. Seine Vorschläge zielten unter anderem darauf ab, Ressourcenaufwand für indirekte Bedürfnisse nicht im Nationaleinkommen zu inkludieren. Das betraf jedoch einen großen Teil staatlicher Produktion, vor allem Militärausgaben. Er konnte sich damit nicht gegen die Vorschläge von John Maynard Keynes durchsetzen, welche darauf abzielten, die Rolles des Staates zu stärken. Keynes‘ Vorschläge sind die Grundlage des BIP und die unglückliche Zentrierung auf das Produktionsvolumen statt auf Wohlstand. Es wäre höchste Zeit, das BIP zu einem Maß für wirtschaftlichen Wohlstand umzuwandeln.

Um echtes Wirtschaftswachstum und ökonomischen Wohlstand zu fördern, gilt es eine Gesellschaft so zu organisieren, dass ihre Mitglieder ihre Bedürfnisse und Wünsche langfristig und bestmöglich befriedigen können. Das BIP bietet dazu keine sinnvolle Entscheidungsgrundlage. Kritik an diesem kurzsichtigen und einseitigen Wirtschaftswachstum ist mehr als gerechtfertigt. Ein modernes Konzept für Wirtschaftswachstum muss langfristigen wirtschaftlichen Wohlstand in den Mittelpunkt rücken.